12.11.2020

Wo bist du Gott?

- Über Gottesvertrauen in Krisensituationen -

„Ich habe meinen Glauben verloren“, so begründen Menschen oft die entstandene Distanz zur Kirche, aber auch zum Glauben selbst. Dabei führen sie gerne globale oder lokale Katastrophen an, unter denen unschuldige Menschen leiden, gemeint sind aber auch häufig persönliche Schicksalsschläge wie schwere Krankheiten, Tod oder menschliche Verletzungen.

Und dann gibt es aber ebenso die Menschen, deren Gottvertrauen gerade in schweren Lebenskrisen unerschütterlich ist, ja manchmal sogar wächst, die zurückfinden zur Gottesnähe und zum Gebet. „Not lehrt beten“ heißt es in einem Sprichwort.

Die Beziehung der Menschen zu Gott ist immer unter Spannung, wirft Fragen auf, klagt an oder ist voller Dankbarkeit. Schon das Volk Israel bei seiner Wanderung durch die Wüste erlebt dieses Wechselbad der Gefühle, je nach Situation murrt und verzweifelt es oder lobt Gott. Die Psalmen beschreiben die unterschiedlichen Stimmungslagen in einer oft drastischen Sprache, wie beispielsweise Psalm 22, der mit der anklagenden Fragestellung beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In Psalm 31 beispielsweise spürt der Beter trotz seiner verzweifelten Lage Gottesnähe und spricht: „Ich aber Herr, hoffe auf dich…“

Mein Gottvertrauen in Krisensituationen hat auch immer etwas mit meinem Gottesbild zu tun. Das Bild vom strafenden und belohnenden Gott ist immer noch tief verankert und führt zu Zweifeln, wenn Schicksalsschläge und Katastrophen „unschuldige“ Menschen treffen. Oder Gott ist mein „Erfüllungsgehilfe“, und wenn meine Lebensplanung durch negative Erlebnisse durchkreuzt wird, hat Gott versagt und macht sich an mir schuldig. So oder so steckt dahinter immer mein Bemühen, Gott zu fassen und zu verstehen. Dieses vergebliche Bemühen beschreibt der Theologe Karl Rahner in folgendem Satz: „Glauben heißt: Die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten“. Aushalten meint nicht ein permanentes Verstehen, sondern zum Aushalten gehören auch Phasen der Distanz und des Zweifels. Ich darf in Grenzsituationen meines Lebens mit Gott hadern, aber Aushalten und Hadern bedeuten die Gegenwart Gottes nicht in Frage zu stellen.

Vor allem aber hat dieser Gott uns Menschen als sein Gegenüber geschaffen, und was das in dem Zusammenhang bedeuten kann, beschreibt der folgende Text eines mir unbekannten Verfassers:

Mitten in einer großen Stadt saß ein kleines Mädchen am Straßenrand, das in seinem dünnen Kleid arm und auch unterernährt aussah. Rechts und links eilten die Menschen vorbei. Alle taten so, als ob sie das Mädchen nicht sähen. Zornig fragte ich Gott: „Wie kannst du das nur zulassen? Warum tust du nichts dagegen, du scheinbarer Allmächtiger?“ Gott schwieg und antwortete mir nicht. In der Nacht, als ich längst wieder zu Hause war, antwortete er plötzlich: „Ich habe etwas dagegen getan. Schließlich habe ich dich geschaffen…“

Auf meine Eingangsfrage „Wo bist du Gott in all dem Elend?“ hier der Versuch einer Antwort: „Überall da, wo Menschen mich zulassen und menschliche Begegnungen zu Gottesbegegnungen werden…“

Manchmal dauert die Suche etwas länger…

 

 

Text & Foto: Barbara Reene-Spillmann

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