„Heißes Eisen: Gerechtigkeit“
Kundgebung und Aktionstag der KAB im Bistum Essen
am 14.07.2002 im Landschaftspark Duisburg - Nord


 

Dokumentation der Redebeiträge
( es gilt das gesprochene Wort!)

Redemanuskript des Oberbürgermeisters
der Stadt Gelsenkirchen, Oliver Wittke

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitglieder der KAB,
Bischof Ketteler hat die Frühzeit der Industrialisierung erlebt. Mit wachen Augen hat er die harten Arbeitsbedingungen beobachtet: unvorstellbar lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne, dabei keinerlei Absicherung gegen Zeiten der Krankheit, des Alters oder der Arbeitslosigkeit. Dazu Kinderarbeit als unverzichtbarer Beitrag zum Familieneinkommen. Die Sorge um das tägliche Brot ist in unserer Zeit eher eine metaphorisch gebrauchte Redewendung – zu Bischof Kettelers Zeit war sie für die meisten Arbeiter und ihre Familien bittere Realität.


In den 125 Jahren seit dem Tode von Bischof Ketteler hat sich vieles zum Besseren verändert. Wenn wir den Sprung wagen aus der Wirklichkeit, die ihn bewegte, hinein in unsere Realität, dann sehen wir: Viele seiner Forderungen sind erfüllt worden. Die Wochenarbeitszeit hat sich seitdem nahezu halbiert. Alle Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf bezahlte Erholung. Alle Kinder gehen zur Schule, und das nahezu ohne Kosten für die Eltern. Jeder, der in eine Notlage gerät, hat Anspruch auf finanzielle Unterstützung und medizinische Versorgung. All das sind riesige Fortschritte, von denen die Menschen früher nur träumen konnten.


Und dennoch haben wir auch 125 Jahre nach seinem Tod keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Die Gerechtigkeit bleibt weiterhin ein heißes Eisen, auch wenn die Herausforderungen heute ein anderes Gesicht haben. Die Frage ist: Wie definieren wir Gerechtigkeit in einer Zeit, in der unser Sozialstaat Netz und doppelten Boden für alle Bürgerinnen und Bürger gespannt hat? Was bleibt angesichts der sozialen Errungenschaften noch zu tun? Ich meine, zur Gerechtigkeit gehört ganz wesentlich, dass alle Menschen Zugang zu den lebensnotwendigen Dingen haben: zu Arbeit und Wohnung, zu Bildung, Kultur und Sport. Dazu gehört aber auch, dass die Menschen teilhaben an unserer Demokratie, dass sie mit ihren Wünsche und Anschauungen Gehör finden.


Ich denke, seit Bischofs Kettelers Zeiten sind wir der Gerechtigkeit schon sehr viel näher gekommen. Was uns heute jedoch bewegt, ist die Massenarbeitslosigkeit. Sie ist mehr als nur ein Schönheitsfleck auf einer ansonsten positiven Bilanz. Knapp vier Millionen Menschen sind bei den Arbeitsämtern derzeit arbeitslos gemeldet. Mehr als 1,3 Millionen, also fast ein Drittel, ist länger als ein Jahr ohne Arbeit [Quelle: Statistik der Bundesanstalt für Arbeit, Mai 2002]. Viele haben die Hoffnung auf einen neuen Arbeitsplatz inzwischen aufgegeben.


Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen Arbeitslosigkeit automatisch Armut und sozialen Abstieg nach sich zogen, in denen Arbeitslose sich aus Verzweifelung das Leben genommen haben. Heute sichern Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe und Hilfe zum Lebensunterhalt auch jenen eine menschenwürdige Existenz, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen können. Dennoch bleibt die Massenarbeitslosigkeit ein existentielles Problem – existentiell, weil Menschen arbeiten wollen, weil Arbeit Sinn und Identität vermittelt, weil Arbeit den Menschen teilhaben lässt an der Gesellschaft. Wenn jemand sagt: ”Ohne Arbeit habe ich keine Perspektive”, dann ist oftmals weniger der finanzielle Aspekt gemeint als ein Gefühl der Hoffnungs- und Nutzlosigkeit und des Ausgeschlossenseins.


Wie sich Arbeitslosigkeit anfühlen kann, das hat der Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze schon Mitte der achtziger Jahre eindrucksvoll in Worte gefasst. In einem seiner Lieder beschreibt er, wie einem Arbeitslosen die freie Zeit zur Last wird. Die ehemaligen Kollegen beneiden ihn: ”Du schiebst ne ruhige Kugel, Mensch, hast du‘s gut! Pack die Gelegenheit beim Schopf.” Der Arbeitslose selbst empfindet seine freie Zeit nicht mehr als Freizeit, nicht mehr als Lust, sondern als Last. Er erlebt sie als bedrohlich, als sinnentleert. Lieber würde er Tag für Tag an der Seite seiner Kumpel schuften als eine ruhige Kugel zu schieben. Der Zustand nagt so sehr an ihm, dass er beschließt: ”Irgendwann schieß ich mir diese ruhige Kugel durch den Kopf.”


Der Liedtext spitzt zu, was viele Menschen ohne Arbeit erleben: Arbeit gibt Sinn. Gerechtigkeit bedeutet für mich deshalb auch: möglichst allen Menschen die Chance geben, am Arbeitsleben teilzuhaben. Das ist gerade für uns im Ruhrgebiet eine enorme Herausforderung. In keinem anderen Arbeitsamtsbezirk in der alten Bundesrepublik ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie in Gelsenkirchen, in keiner anderen Region ist sie so hoch wie im Ruhrgebiet. Im gesamten Bezirk sind es 14,2 Prozent, in der Stadt Gelsenkirchen selbst haben wir 15,8 Prozent Arbeitslose. Menschen in Arbeit zu bringen ist deshalb die größte und wichtigste Aufgabe für die Politik. Es ist aber zugleich die schwierigste Aufgabe. Denn beim Strukturwandel im Ruhegebiet gab und gibt es immer wieder Rückschläge – wie jetzt die Schieflage bei Babcock Borsig. Plötzlich fürchten mehrere tausend Menschen um ihren Arbeitsplatz.


Gerechtigkeit heißt für mich deshalb in erster Linie: Arbeitsplätze haben Vorrang. Deshalb tue ich alles, um neue Arbeitsplätze nach Gelsenkirchen zu holen und die bestehenden zu halten. Dabei arbeite ich eng mit unseren Nachbarstädten zusammen. Denn das Ruhrgebiet ist letztlich ein großes Ganzes. Die Stadtgrenzen sind heute nur noch Verwaltungsgrenzen. Die Menschen suchen sich ihren Arbeitsplatz oder ihren Freizeitspaß, wo ihnen das Angebot am besten gefällt. Wenn heute in einer Stadt neue Arbeitsplätze entstehen, profitieren deshalb auch die Einwohner der Nachbarstädte als Berufspendler davon. Umgekehrt sind von einer Firmenpleite in Essen auch Arbeitnehmer aus Mülheim, Gelsenkirchen und Bochum mit betroffen. Wir müssen im Ruhrgebiet stärker zusammenhalten und unsere Stärken bündeln. Nur dann können wir unsere Chancen voll ausnutzen und sind für Investoren attraktiv.


Denn die Konkurrenz zwischen den Städten um neue Ansiedlungen und um Arbeitsplätze wird immer härter. Längst konkurrieren wir mit Standorten im Ausland. Das ist eine Folge der Globalisierung, und wir bekommen das ganz hautnah zu spüren, wenn wir um neue Unternehmensansiedlungen werben. Ich nenne als Beispiel nur die Ansiedlung des neuen BMW-Werkes. Leipzig hat letztlich den Zuschlag bekommen, weil die Stadt dem Unternehmen sehr weit entgegen gekommen ist. Die Kommunen müssen mittlerweile viele Zugeständnisse machen, weil sie weltweit mit Standorten konkurrieren, an denen die Lohnkosten deutlich niedriger sind als in Deutschland. Wenn wir diesen Wettbewerb um Investitionen und Arbeitsplätze für uns entscheiden wollen, dann müssen wir den Unternehmen ein lukratives Angebot machen. Das heißt im Klartext: Die Kommune muss bereit sein, auf Einnahmen – etwa aus Grundstücksverkäufen und Erschließungskosten – zu verzichten. Und das, obwohl wir das Geld gut gebrauchen könnten, um unser leeres Stadtsäckel zu füllen.


Warum aber ist die Position der deutschen Kommunen im Wettbewerb um Investoren so schlecht? Das liegt nicht allein an den hohen Löhnen, sondern auch an den starren Rahmenbedingungen. Und die Bundesregierung scheut sich, diese Bedingungen zu verbessern. Stattdessen hat sie weitere bürokratische Regelungen geschaffen und legt den Unternehmen dadurch Steine in den Weg. Denken Sie nur an die Sozialversicherungsabgaben für 325 Euro-Jobs, denken Sie an die Einschränkungen für den Abschluss befristeter Arbeitsverträge, oder denken Sie an die zahlreichen Gesetze, die kleinen und mittleren Betriebe neue Lasten aufbürden [Anspruch auf Teilzeit; Mitbestimmung]. Damit verleidet Rot-Grün den Unternehmen das Investieren. Damit nimmt Rot-Grün den Standort Deutschland seine Anziehungskraft. Und dadurch verhindert die Bundesregierung, dass neue Arbeitsplätze in Deutschland und im Ruhrgebiet entstehen!


Was wir brauchen, sind Gesetze, die die Risikobereitschaft der Unternehmer fördern. Was wir brauchen, ist ein Mehr an Flexibilität und ein Weniger an Bürokratie. Was wir brauchen, ist eine ideenreiche Wirtschaftspolitik. Dann fließen auch die Investitionen. Dann schaffen wir es auch, die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet zu senken.
In Gelsenkirchen schöpfen wir alle Möglichkeiten aus, um Arbeitslosen den Weg in eine neue Stelle zu ebnen. Während die Bundesregierung noch über Reformen nachdenkt, haben wir sie längst verwirklicht. Vieles von dem, was die Hartz-Kommission empfiehlt, ist in Gelsenkirchen schon Wirklichkeit: In Gelsenkirchen gibt es eine bereits eine gemeinnützige Zeitarbeitsagentur, die viele Arbeitslose in neue Stellen vermittelt. Alleinerziehende Frauen, die von Sozialhilfe leben, werden vom Sozialamt intensiv auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vorbereitet, und über eine Tagesmutteragentur organisieren wir eine gute Betreuung für ihre Kinder.
Doch bei der Unterstützung für Arbeitslose stoßen wir an eine Grenze, und das ist der Mangel an Arbeitsplätzen. Wir können beraten, wir können qualifizieren, doch was nützt es, wenn anschließend Arbeitsplätze fehlen. Und die fehlen vor allem im Bereich der gering Qualifizierten und Ungelernten. In Gelsenkirchen ist damit heute schon Realität, was uns Wissenschaftler für den Arbeitsmarkt von morgen voraussagen. Das bedeutet für mich: Ich bemühe mich besonders um Investoren, die Arbeitsplätze auch für gering Qualifizierte schaffen.


Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, dass von unseren Kinder im Beruf noch mehr verlangt werden wird als von unserer Generation. Immer mehr einfache Tätigkeiten werden von Maschinen erledigt, und um diese Maschinen zu bedienen, braucht es eine fundierte Ausbildung. Aber seit der PISA-Studie wissen wir: Eine gute Bildung ist keine Selbstverständlichkeit mehr in Deutschland. Wir müssen wieder mehr in die Bildung unserer Kinder investieren – mehr Geld, aber auch mehr Ideen. Ich erwarte mehr von der Kultusministerin als nur die Ankündigung, dass sie die schlimmsten Lücken stopfen wird.


Heute verlassen acht Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. Das ist fast jeder zwölfte! Ich frage mich: Was soll aus diesen jungen Leuten werden? Sie haben ja nicht einmal Aussichten auf eine Lehrstelle! Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn Jugendliche schon mit sechzehn Jahren ohne Perspektive dastehen? Wenn sie schon mit sechzehn Jahren das Gefühl haben: Mich braucht keiner? Hier muss Bildungspolitik ansetzen! Hier muss unsere Kultusministerin zeigen, dass sie mehr kann als nur Geld für Vertretungslehrer bereitzustellen! Wir müssen dafür sorgen, dass wir alle Jugendlichen mitnehmen . Es darf nicht sein, dass junge Leute durch die Maschen unseres Schulsystems fallen. Wir müssen ihnen helfen, erfolgreich die Schule zu absolvieren. Insbesondere für diejenigen, die zu Hause nicht gefördert werden, brauchen wir deutlich mehr Förderung.


Wir brauchen aber auch mehr Lehrstellen für unsere jungen Leute. Jahr für Jahr trommeln Institutionen wie Arbeitsämter und Wirtschaftsvereinigungen im Verein mit den Kommunen und den Medien, damit mehr Ausbildungsplätze angeboten werden. Aber viel zu viele Unternehmen verschließen sich dieser Forderung. Sie stellen lieber fertig ausgebildete Kräfte ein, als selbst in junge Menschen zu investieren. Natürlich kostet es Zeit, Lehrlinge auszubilden. Natürlich kostet das manchmal Nerven. Aber die Lehrlinge von heute sollen schließlich die Leistungsträger von morgen werden. Und damit sie das werden können, brauchen sie unsere Unterstützung. Und die müssen wir ihnen geben. Hier sind wir alle in der Pflicht.


Die Stadt Gelsenkirchen hat sich die Ausbildungsmisere zu Herzen genommen. Wir bilden in der Stadtverwaltung seit Jahren über den eigenen Bedarf aus, weil wir jungen Erwachsenen den Weg ins Berufsleben ebnen wollen. Zur Zeit lernen 149 junge Leute bei der Stadt einen Beruf, und sie alle haben Anspruch darauf, nach ihrem Abschluss noch mindestens 12 Monate beschäftigt zu werden. Ich wünsche mir, dass unser Beispiel Schule macht. Denn wir dürfen es nicht zulassen, dass Jugendliche sich vor den verschlossenen Türen der Berufswelt wiederfinden. Das Berufsleben ist der wichtigste Schlüssel für die Teilhabe an der Gesellschaft. Diesen Schlüssel müssen die Jugendlichen in die Hand bekommen. Dazu brauchen sie unsere Hilfe.


Die Kommunen haben wichtige Aufgaben, wenn es um die konkrete Gestaltung von Gerechtigkeit vor Ort geht. Es wird uns aber immer schwerer gemacht, diesen Lebensraum zu gestalten . Denn um zu gestalten, braucht man Geld. Geld aber fehlt nicht nur in Gelsenkirchen, es fehlt auch in vielen anderen Kommunen unseres Landes. Und warum? Weil die Einnahmen aus der Gewerbesteuer weggebrochen sind, und die ist nun einmal die wichtigste Einnahmequelle der Kommunen. Dank der Steuerreform fällt die Gewerbesteuer nur noch am Hauptsitz der Unternehmen an. Das hat fatale Folgen: Wenn der Hauptsitz der Firma Stinnes künftig nicht mehr in Mülheim, sondern in Mannheim sein wird, zahlt das Unternehmen nur noch in Mannheim Steuern. Die Mülheimer gehen dann leer aus.


Auch Gelsenkirchen leidet massiv unter der Steuerreform. Seither muss die Stadt auf die Zahlung des bisher größten Gewerbesteuerzahlers verzichten. Das heißt: Wir müssen versuchen, ein Haushaltsdefizit von 32,7 Millionen Mark durch Einsparungen aufzufangen. Folglich sind wir gezwungen, an allen Ecken und Enden einzusparen, damit unser Haushalt von der Bezirksregierung genehmigt wird. Aber sparen kann eine Kommune nur an den Aufgaben, die sie freiwillig übernimmt. Das sind in erster Linie Zuschüsse für Kultur und Soziales. Ich kann Ihnen sagen: Es ist uns äußerst schwergefallen, den Trägern die Zuschüsse zu kürzen. Sie alle leisten eine hervorragende Arbeit. Aber wir sind uns bewusst, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt. Denn ohne einen genehmigten Haushalt ist eine Kommune handlungsunfähig. Dann kann sie nicht mehr gestalten, sondern sie wird von der Bezirksregierung verwaltet. Und das kann nicht im Sinne der Bürgerinnen und Bürger sein.


Welche Alternative hätten wir zu den Kürzungen gehabt? Unsere Möglichkeiten, die Einnahmen zu erhöhen, sind denkbar schlecht. Wir haben die Parkgebühren leicht erhöht, und wir haben den Gewerbesteuerhebesatz etwas angehoben. Aber wir müssen uns davor hüten, die Gewerbesteuerzahler als Goldesel zu betrachten und ständig an der Schraube der Gewerbesteuer zu drehen. Denn das wäre das falsche Signal an die Wirtschaft.


Stattdessen müssen wir zu einem Interessenausgleich kommen zwischen Wirtschaft und Sozialem. Und das funktioniert nur, wenn wir allen Versuchen widerstehen, das eine gegen das andere auszuspielen. Denn ohne die Wirtschaft kommen wir nicht voran. Wenn es uns gelingt, die Arbeitslosigkeit zu senken, brauchen wir weniger Mittel für die Sozialhilfe. Dadurch bekommen wir finanzielle Spielräume und können wieder mehr Geld für Soziales ausgeben. Nur in dieser Richtung kommen wir zum Ziel. Die Anhebung der Gewerbesteuer würde dagegen nur kurzfristig mehr Geld in die Kasse bringen. Auf Dauer aber würden wir die Unternehmen vergraulen und dadurch die Arbeitslosigkeit nach oben treiben.


Wir haben gespürt, mit welcher Empörung die Bürgerinnen und Bürger gegen die Schließung von Einrichtungen gekämpft haben. Ich kann sie gut verstehen. Natürlich möchte jeder die soziale Infrastruktur im Wohnumfeld behalten. Aber wir müssen uns vor Augen führen: Das Ruhrgebiet schrumpft. Jahr für Jahr verlieren wir viele tausend Einwohner, und das bereits seit etwa 30 Jahren. Die Zahl der Kinder sinkt, während die Zahl der Älteren weiter steigt. Und diese Entwicklung wird weiter voranschreiten: Im Jahr 2010 wird Gelsenkirchen nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zehn Prozent weniger Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre haben als 1998. Bis zum Jahr 2015 werden es insgesamt 15 Prozent weniger sein als 1998. Gelsenkirchen wird dann voraussichtlich nur noch 257.000 Einwohner haben statt 286.000 wie im Jahr 1998.


Auch das sind Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Und das wird nicht immer angenehm sein. Aber schließlich geht es auch um die Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Selbstverständlich möchte niemand, dass der Kindergarten oder die Schule geschlossen wird, auf die die eigenen Kinder gehen. Zugleich werden wir aber gezwungen sein, auf die sinkenden Schülerzahlen zu reagieren. Auf Dauer wird es nicht zu umgehen sein, Schulen und Kindergärten zu verkleinern oder gar zu schließen. Denn das Geld wird weniger, wenn die Einwohnerzahl abnimmt. Denn weniger Einwohner bedeutet automatisch: geringere Zuweisungen vom Bund. Gerechtigkeit muss dann heißen: Es wird auch in Zukunft genug Kindergartenplätze für alle Kinder geben, auch wenn der eine oder andere etwas weitere Wege auf sich nehmen muss. Und Gerechtigkeit wird heißen: Wir müssen auch genügend Einrichtungen für hilfsbedürftige ältere Menschen anbieten.


Gerechtigkeit heißt deshalb heute wie morgen: Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um gute Lebensbedingungen für alle Generationen zu schaffen – für die heutigen wie für die künftigen. Dazu gehört es, dass die Kommunen sparsam wirtschaften, um nicht den Generationen der Kinder und Enkel die Zukunft zu verbauen. Dazu gehört es, dass wir vorausschauend planen und wirtschaften. Und es gehört weiterhin dazu, dass wir einen Interessenausgleich schaffen zwischen Jüngeren und Ältren, zwischen denen mit mehr und mit weniger finanziellen Mitteln, ebenso zwischen Zugewanderten und Einheimischen.


Gerechtigkeit heißt nicht in klassenkämpferischer Manier: Nieder mit dem Kapital. Sondern Gerechtigkeit heißt: das Kapital zum Nutzen aller einsetzen. Sodass Arbeitsplätze entstehen, sodass Familien ihr Auskommen haben. Damit unser System der sozialen Sicherheit, von dem Bischof Ketteler geträumt hat, auch morgen noch sicher ist.