Redemanuskript des Diözesanbildungsreferenten der KAB, Wolfgang Heinberg
Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler
25.12.1811 – 13.07.1877


 

Getragen vom Willen zur Gerechtigkeit...
Eine Einordnung von Leben und Werk in den Kontext der KAB

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Für viele Menschen innerhalb und außerhalb der KAB steht der Name Wilhelm Emmanuel von Ketteler, für einen Kirchenmann und Bischof, der sich nicht scheute und schon gar nicht zu Schade dafür war, die „Heißen Eisen“ seiner Zeit anzupacken und zu thematisieren. Durch sein unerschrockenes Eintreten für Freiheit und soziale Gerechtigkeit wurde Bischof Ketteler zum Pionier und Wegbereiter der christlich – sozialen Bewegung in Deutschland. Im Bewusstsein vieler Menschen lebt Bischof Ketteler bis heute als „Arbeiterbischof“ weiter.

Er sah eine der Hauptpflichten der Kirche und des Christentums darin, einen Beitrag zur Lösung der sozialen Frage zu leisten, die sich für Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dringend stellte und die Ketteler schon 1848 als „die wichtigste Frage der Gegenwart“ bezeichnet hatte.

Nähern wir uns der Frage: Wer war dieser Mann? Warum erinnern wir uns bis heute an ihn und seine Botschaften, Forderungen und Positionen?

Bischof Ketteler hat mehr Schriften veröffentlicht, als irgendein Bischof seiner Zeit. Doch nicht nur die quantitative Fülle seines Wirkens ist bis heute beeindruckend. Zentral für das Wirken, Denken und Schreiben von Ketteler war seine permanente Suche nach Gerechtigkeit. Und: Kettelers soziale und politische Anschauungen waren ganz und gar durch religiöse Werte bestimmt.

„Unsere Religion ist nicht wahrhaft katholisch, wenn sie nicht wahrhaft sozial ist...Nur dann, wenn unsere
Kirche eine wahrhaft soziale Kirche ist, ist sie eine wahrhaft katholische Kirche.“ Dieses Zitat aus einer Predigt von Bischof Ketteler ist vielleicht so etwas wie sein Grundsatzprogramm. Es verdeutlicht sehr genau, wo und wie Ketteler seine Kirche positioniert wissen will.

Kirche und Religion sind für Ihn nichts für die Nische. Kirche und Religion sind für Ihn nicht abgehoben und weltfremd. Kirche und Religion sind für Ihn nahe bei den Menschen, sie sind parteilich und konsequent.

„Das von Christus ihr übertragene Amt kann die Kirche an Millionen von Seelen nicht üben, wenn sie die soziale Frage ignorieren und ihr gegenüber sich auf die gewöhnliche hergebrachte Pastoration beschränken wollte.“

Bischof Ketteler war ein „politischer Bischof“ ,- er war ein Bischof, der einen besonderen Sinn für die politischen Herausforderungen und Probleme seiner Zeit mitbrachte, kannte und verstand.

Aber er wollte nicht nur verstehen. Er sah seinen Auftrag als Mann der Kirche mitten in der Welt und sehr konkret. „Wollen wir die Zeit erkennen, so müssen wir die soziale Frage zu ergründen suchen. Wer sie begreift, der erkennt die Gegenwart, wer sie nicht begreift, dem ist Gegenwart und Zukunft ein Rätsel.“

Sehen – urteilen – handeln: Aus dem Glauben handeln für Gerechtigkeit. Die Methoden und die Perspektiven der christlich – sozialen Bewegung und insbesondere der KAB sind in Ketteler grundgelegt.

Auch in seiner Zeit und vermutlich drastischer, als wir es manchmal heute erkennen können, sah Ketteler die Herausforderungen der sozialen Frage,- sah er,
die Zeichen der Zeit. Die soziale Frage am Ende des 19. Jahrhunderts war zu beschreiben mit Armut, Benachteiligung, Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen.

Zeichen der Zeit, die Bischof Ketteler nicht mehr ruhen ließen. Zeichen der Zeit, die ihn herausforderten, an der Seite der „kleinen Leute“, der Benachteiligten und Schwachen zu stehen.

Bischof Ketteler war bewegt von seiner Sorge um den Arbeiterstand. Und er sah und kannte die Not der Arbeiter im Betrieb und die Not der Arbeiter im Alltag.

Arbeiterinteressen und Kapitalinteressen: Ketteler benannte die Konflikte. „Die Gottlosigkeit des Kapitals, das den Arbeiter als Arbeitskraft und Maschine bis zur Zerstörung ausnutzt, muss gebrochen werden. Sie ist ein Verbrechen am Arbeitenden und eine Entwürdigung desselben.“

Deutlicher geht es kaum! Gottlosigkeit, Verbrechen, Entwürdigung: Kann man pointierter die Auswüchse des Kapitalismus, eines ungezügelten Kapitalismus beschreiben und ausdrücken? Kann man deutlicher Partei ergreifen für den arbeitenden Menschen, für seine Würde im Betrieb? Und was sagt uns diese
Botschaft aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts für unsere Arbeit, unser Wirken als Arbeitnehmerbewegung im 21. Jahrhundert?

Bischof Ketteler ermunterte die Arbeiter ausdrücklich sich zu organisieren, Solidarität zu gestalten und Gegenmacht zu entwickeln: „Die Arbeiter zu organisieren, um mit gemeinschaftlicher Anstrengung ihre Interessen und Rechte geltend zu machen, ist berechtigt, ja selbst notwendig, wenn der Arbeiterstand nicht erdrückt werden soll von der Macht des Geldes.“

Der von Ketteler beschriebene Grundkonflikt zwischen Kapitalinteressen und den Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist bis heute nicht ausgestanden.

Dieser Grundkonflikt ist sicher in der von Ketteler beschriebenen und benannten Deutlichkeit nicht mehr zu erkennen und virulent. Aber: Die anhaltend hohe Massenarbeitslosigkeit, die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse, die Abnahme durchgehender Erwerbsbiographien und andere Entwicklungen und Perspektiven die zu Lasten und auf den Schultern der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgetragen, diskutiert und umgesetzt werden, sind Realitäten, die unser Gemeinwesen, unseren Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensstandort und damit auch, das System der sozialen Sicherung und die Soziale Marktwirtschaft belasten.

Die KAB im Bistum Essen hat in ihrem Leitantrag zum Diözesantag 2000 unter dem Titel: Innovativ denken – verantwortlich handeln: Arbeit und Leben neu gestalten versucht Elemente der Sozialen Frage am Beginn eines neuen Jahrhunderts zu beschreiben:
( Zitat ) „Die Soziale Marktwirtschaft wird zunehmend in Frage gestellt und „der Staat“ verabschiedet sich immer mehr aus der Aufgabe, einen politischen Rahmen für das Wirtschaften zu setzen und soziale, den Menschen in den Mittelpunkt stellende Zielsetzungen vorzugeben. Flexibilisierung, Deregulierung, Schaffung optimaler Marktbedingungen und „schlanker Staat“ sind einige der Zauberformeln in der öffentlichen und politischen Diskussion.“

Und der Leitantrag wird dann in seiner zuspitzenden, parteilichen Analyse fast im kettelerschen Sinne deutlich: ( Zitat )„Der Abbau von Arbeitsplätzen und die Rückführung von Beschäftigungszahlen ist zu einer Messlatte unternehmerischer Prosperität geworden – arbeitende Menschen werden immer mehr zu „Objekten“ degradiert.“


So wie die KAB „Bewegung mitten im Leben ist“, war Ketteler „Bischof mitten im Leben“. Parteilichkeit und Verantwortung für das Gemeinwesen bestimmten sein Handeln und sein Reden. Er begriff die Herausforderung besonders für Chancen und Gerechtigkeit für diejeniegen zu streiten, die nicht Schritt halten konnten und benachteiligt waren.

Wenn das Erinnern und Auseinandersetzten mit den Positionen eines Bischof Ketteler für uns heute nicht nur ein „Halleluja für den Schnee von Gestern“ sein soll, stellt sich die Frage: Wie kann Ketteler uns heute bewegen? Welche Relevanz haben seine Positionen und Forderungen für heute?

Wir stehen auch heute wieder an einer Zeitenwende, die möglicherweise durchaus mit der Zeitenwende vergleichbar ist, die Bischof Ketteler und die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert erlebten. Wieder bringt die Zeit des Wandels uns Chancen und Risiken, Prozesse der Erneuerung und neue und vielleicht auch zusätzliche Herausforderungen.

Ähnlich wie die Menschen des 19. Jahrhunderts, gehen wir in eine Zukunft, deren Umrisse erst schemenhaft zu erkennen sind.

Ähnlich wie die Menschen des 19. Jahrhunderts, müssen wir uns selbst auf den Weg machen, um eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit zu gestalten.

Anders als im 19. Jahrhundert können wir uns aus einer Position relativer Sicherheit und relativen Wohlstandes auf den Weg machen, um die Herausforderungen unserer Zeit anzunehmen, die Fragen und Probleme unserer Zeit zu bearbeiten.

Und die Herausforderungen unserer Zeit liegen klar und deutlich vor uns: Es geht um die Zukunft der Arbeit, die Zukunft des Sozialstaates und der Sozialen Marktwirtschaft und es geht darum, in jeder Lebensphase ein Leben in Achtung, Würde und Menschlichkeit zu gestalten und zu ermöglichen.

Doch ob unsere Ausgangsvoraussetzungen heute besser oder schlechter sind als im 19. Jahrhundert wird erst die Zukunft zeigen. Denn: Relativer Wohlstand und relative Sicherheit können träge machen.

Die prekäre Lage der „Proletarier“ im 19. Jahrhundert, war auch Grundlage für Solidarität und den Aufbau von Bewegungen.

Heute fragen viele Menschen gar nicht mehr: Wofür oder wogegen kann ich mich organisieren? Wo ist mein Einsatz für Solidarität und Gerechtigkeit gefragt? Sie fragen: Was hab` ich davon? Was bekomme ich? Was nutzt es mir?

Die Konzentration auf das individuelle Leben macht in vielen Teilen der Bevölkerung, und damit auch der Arbeitnehmerschaft, den Kernbestand des „Denk – und Handlungshorizontes“ aus.

Das Beispiel eines Bischof Ketteler kann uns heute Mut machen, die eigenen Belange in die Hand zu nehmen, uns zu organisieren, Öffentlichkeit zu gestalten und politisch tätig zu werden. Die Herausforderungen vor denen wir stehen, lassen sich nur „politisch“ meistern, bewältigen und gestalten.

Aus dem Glauben handeln für Gerechtigkeit, - so lassen sich kurz, knapp und präzise Ursprung, Ziel und Weg unseres Engagements in der christlich – sozialen Bewegung, in der KAB, beschreiben. Wie Bischof Ketteler: Getragen vom Willen,- Getragen vom Willen zur Gerechtigkeit.