Getragen vom Willen zur Gerechtigkeit...
Eine Einordnung von Leben und Werk in den Kontext der KAB
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Für viele Menschen innerhalb und außerhalb
der KAB steht der Name Wilhelm Emmanuel von Ketteler, für einen Kirchenmann
und Bischof, der sich nicht scheute und schon gar nicht zu Schade dafür
war, die „Heißen Eisen“ seiner Zeit anzupacken und zu
thematisieren. Durch sein unerschrockenes Eintreten für Freiheit
und soziale Gerechtigkeit wurde Bischof Ketteler zum Pionier und Wegbereiter
der christlich – sozialen Bewegung in Deutschland. Im Bewusstsein
vieler Menschen lebt Bischof Ketteler bis heute als „Arbeiterbischof“
weiter.
Er sah eine der Hauptpflichten der Kirche und des Christentums
darin, einen Beitrag zur Lösung der sozialen Frage zu leisten, die
sich für Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dringend
stellte und die Ketteler schon 1848 als „die wichtigste Frage der
Gegenwart“ bezeichnet hatte.
Nähern wir uns der Frage: Wer war dieser Mann? Warum
erinnern wir uns bis heute an ihn und seine Botschaften, Forderungen und
Positionen?
Bischof Ketteler hat mehr Schriften veröffentlicht,
als irgendein Bischof seiner Zeit. Doch nicht nur die quantitative Fülle
seines Wirkens ist bis heute beeindruckend. Zentral für das Wirken,
Denken und Schreiben von Ketteler war seine permanente Suche nach Gerechtigkeit.
Und: Kettelers soziale und politische Anschauungen waren ganz und gar
durch religiöse Werte bestimmt.
„Unsere Religion ist nicht wahrhaft katholisch,
wenn sie nicht wahrhaft sozial ist...Nur dann, wenn unsere
Kirche eine wahrhaft soziale Kirche ist, ist sie eine wahrhaft katholische
Kirche.“ Dieses Zitat aus einer Predigt von Bischof Ketteler ist
vielleicht so etwas wie sein Grundsatzprogramm. Es verdeutlicht sehr genau,
wo und wie Ketteler seine Kirche positioniert wissen will.
Kirche und Religion sind für Ihn nichts für
die Nische. Kirche und Religion sind für Ihn nicht abgehoben und
weltfremd. Kirche und Religion sind für Ihn nahe bei den Menschen,
sie sind parteilich und konsequent.
„Das von Christus ihr übertragene Amt kann
die Kirche an Millionen von Seelen nicht üben, wenn sie die soziale
Frage ignorieren und ihr gegenüber sich auf die gewöhnliche
hergebrachte Pastoration beschränken wollte.“
Bischof Ketteler war ein „politischer Bischof“
,- er war ein Bischof, der einen besonderen Sinn für die politischen
Herausforderungen und Probleme seiner Zeit mitbrachte, kannte und verstand.
Aber er wollte nicht nur verstehen. Er sah seinen Auftrag
als Mann der Kirche mitten in der Welt und sehr konkret. „Wollen
wir die Zeit erkennen, so müssen wir die soziale Frage zu ergründen
suchen. Wer sie begreift, der erkennt die Gegenwart, wer sie nicht begreift,
dem ist Gegenwart und Zukunft ein Rätsel.“
Sehen – urteilen – handeln: Aus dem Glauben
handeln für Gerechtigkeit. Die Methoden und die Perspektiven der
christlich – sozialen Bewegung und insbesondere der KAB sind in
Ketteler grundgelegt.
Auch in seiner Zeit und vermutlich drastischer, als wir
es manchmal heute erkennen können, sah Ketteler die Herausforderungen
der sozialen Frage,- sah er,
die Zeichen der Zeit. Die soziale Frage am Ende des 19. Jahrhunderts war
zu beschreiben mit Armut, Benachteiligung, Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeiten
und Ausgrenzungen.
Zeichen der Zeit, die Bischof Ketteler nicht mehr ruhen
ließen. Zeichen der Zeit, die ihn herausforderten, an der Seite
der „kleinen Leute“, der Benachteiligten und Schwachen zu
stehen.
Bischof Ketteler war bewegt von seiner Sorge um den Arbeiterstand.
Und er sah und kannte die Not der Arbeiter im Betrieb und die Not der
Arbeiter im Alltag.
Arbeiterinteressen und Kapitalinteressen: Ketteler benannte
die Konflikte. „Die Gottlosigkeit des Kapitals, das den Arbeiter
als Arbeitskraft und Maschine bis zur Zerstörung ausnutzt, muss gebrochen
werden. Sie ist ein Verbrechen am Arbeitenden und eine Entwürdigung
desselben.“
Deutlicher geht es kaum! Gottlosigkeit, Verbrechen, Entwürdigung:
Kann man pointierter die Auswüchse des Kapitalismus, eines ungezügelten
Kapitalismus beschreiben und ausdrücken? Kann man deutlicher Partei
ergreifen für den arbeitenden Menschen, für seine Würde
im Betrieb? Und was sagt uns diese
Botschaft aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts für unsere
Arbeit, unser Wirken als Arbeitnehmerbewegung im 21. Jahrhundert?
Bischof Ketteler ermunterte die Arbeiter ausdrücklich
sich zu organisieren, Solidarität zu gestalten und Gegenmacht zu
entwickeln: „Die Arbeiter zu organisieren, um mit gemeinschaftlicher
Anstrengung ihre Interessen und Rechte geltend zu machen, ist berechtigt,
ja selbst notwendig, wenn der Arbeiterstand nicht erdrückt werden
soll von der Macht des Geldes.“
Der von Ketteler beschriebene Grundkonflikt zwischen
Kapitalinteressen und den Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
ist bis heute nicht ausgestanden.
Dieser Grundkonflikt ist sicher in der von Ketteler beschriebenen
und benannten Deutlichkeit nicht mehr zu erkennen und virulent. Aber:
Die anhaltend hohe Massenarbeitslosigkeit, die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse,
die Abnahme durchgehender Erwerbsbiographien und andere Entwicklungen
und Perspektiven die zu Lasten und auf den Schultern der Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer ausgetragen, diskutiert und umgesetzt werden, sind Realitäten,
die unser Gemeinwesen, unseren Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensstandort
und damit auch, das System der sozialen Sicherung und die Soziale Marktwirtschaft
belasten.
Die KAB im Bistum Essen hat in ihrem Leitantrag zum Diözesantag
2000 unter dem Titel: Innovativ denken – verantwortlich handeln:
Arbeit und Leben neu gestalten versucht Elemente der Sozialen Frage am
Beginn eines neuen Jahrhunderts zu beschreiben:
( Zitat ) „Die Soziale Marktwirtschaft wird zunehmend in Frage gestellt
und „der Staat“ verabschiedet sich immer mehr aus der Aufgabe,
einen politischen Rahmen für das Wirtschaften zu setzen und soziale,
den Menschen in den Mittelpunkt stellende Zielsetzungen vorzugeben. Flexibilisierung,
Deregulierung, Schaffung optimaler Marktbedingungen und „schlanker
Staat“ sind einige der Zauberformeln in der öffentlichen und
politischen Diskussion.“
Und der Leitantrag wird dann in seiner zuspitzenden,
parteilichen Analyse fast im kettelerschen Sinne deutlich: ( Zitat )„Der
Abbau von Arbeitsplätzen und die Rückführung von Beschäftigungszahlen
ist zu einer Messlatte unternehmerischer Prosperität geworden –
arbeitende Menschen werden immer mehr zu „Objekten“ degradiert.“
So wie die KAB „Bewegung mitten im Leben ist“, war Ketteler
„Bischof mitten im Leben“. Parteilichkeit und Verantwortung
für das Gemeinwesen bestimmten sein Handeln und sein Reden. Er begriff
die Herausforderung besonders für Chancen und Gerechtigkeit für
diejeniegen zu streiten, die nicht Schritt halten konnten und benachteiligt
waren.
Wenn das Erinnern und Auseinandersetzten mit den Positionen
eines Bischof Ketteler für uns heute nicht nur ein „Halleluja
für den Schnee von Gestern“ sein soll, stellt sich die Frage:
Wie kann Ketteler uns heute bewegen? Welche Relevanz haben seine Positionen
und Forderungen für heute?
Wir stehen auch heute wieder an einer Zeitenwende, die
möglicherweise durchaus mit der Zeitenwende vergleichbar ist, die
Bischof Ketteler und die Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert erlebten. Wieder
bringt die Zeit des Wandels uns Chancen und Risiken, Prozesse der Erneuerung
und neue und vielleicht auch zusätzliche Herausforderungen.
Ähnlich wie die Menschen des 19. Jahrhunderts, gehen
wir in eine Zukunft, deren Umrisse erst schemenhaft zu erkennen sind.
Ähnlich wie die Menschen des 19. Jahrhunderts, müssen
wir uns selbst auf den Weg machen, um eine Zukunft in Solidarität
und Gerechtigkeit zu gestalten.
Anders als im 19. Jahrhundert können wir uns aus
einer Position relativer Sicherheit und relativen Wohlstandes auf den
Weg machen, um die Herausforderungen unserer Zeit anzunehmen, die Fragen
und Probleme unserer Zeit zu bearbeiten.
Und die Herausforderungen unserer Zeit liegen klar und
deutlich vor uns: Es geht um die Zukunft der Arbeit, die Zukunft des Sozialstaates
und der Sozialen Marktwirtschaft und es geht darum, in jeder Lebensphase
ein Leben in Achtung, Würde und Menschlichkeit zu gestalten und zu
ermöglichen.
Doch ob unsere Ausgangsvoraussetzungen heute besser oder
schlechter sind als im 19. Jahrhundert wird erst die Zukunft zeigen. Denn:
Relativer Wohlstand und relative Sicherheit können träge machen.
Die prekäre Lage der „Proletarier“ im
19. Jahrhundert, war auch Grundlage für Solidarität und den
Aufbau von Bewegungen.
Heute fragen viele Menschen gar nicht mehr: Wofür
oder wogegen kann ich mich organisieren? Wo ist mein Einsatz für
Solidarität und Gerechtigkeit gefragt? Sie fragen: Was hab` ich davon?
Was bekomme ich? Was nutzt es mir?
Die Konzentration auf das individuelle Leben macht in
vielen Teilen der Bevölkerung, und damit auch der Arbeitnehmerschaft,
den Kernbestand des „Denk – und Handlungshorizontes“
aus.
Das Beispiel eines Bischof Ketteler kann uns heute Mut
machen, die eigenen Belange in die Hand zu nehmen, uns zu organisieren,
Öffentlichkeit zu gestalten und politisch tätig zu werden. Die
Herausforderungen vor denen wir stehen, lassen sich nur „politisch“
meistern, bewältigen und gestalten.
Aus dem Glauben handeln für Gerechtigkeit, - so
lassen sich kurz, knapp und präzise Ursprung, Ziel und Weg unseres
Engagements in der christlich – sozialen Bewegung, in der KAB, beschreiben.
Wie Bischof Ketteler: Getragen vom Willen,- Getragen vom Willen zur Gerechtigkeit.
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